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Samstag 11. September 2010 















Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken
Die Unruhe der menschlichen Seele spiegelt sich in den Werken wider, die Lorenzo Lotto im 16. Jahrhundert zwischen Ancona und Macerata hinterlassen hat. Der venezianische Maler, tiefer Kenner der Gefühle und gequälter Künstler, aus seiner eigenen Heimatstadt ausgestossen, verbrachte viele Jahre seines Lebens in dieser Ecke Italiens. Sein Bestreben war es, den Anforderungen der Klosterorden und der Aristokratie der Marken gerecht zu werden. In den Museen von Ancona, Jesi, Recanati, dem Palazzo Apostolico von Loreto und den Kirchen von Monte San Giusto, Cingoli und Mogliano findet man das künstlerische Testament dieses Renaissance-Künstlers. Begibt man sich in Marken auf die Suche nach den Werken von Lotto, entdeckt man eine Gegend, die reich an Kultur, Einflüssen und Traditionen ist.

Erster Tag
Ein Fenster zur Adria
 
Antike Mauern im Hinterland
 
Gastronomie und Theater
Zweiter Tag
   
Orte der Heiligkeit
 
Orte des Genies
 
Endloser Horizont
Dritter Tag
   
Auf dem Balkon der Marken
 
In den grünen Hügeln rund um Macerata
 
Abschied von den Marken



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Lorenzo Lotto in den Marken







 
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Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken
Erster Tag

Vormittag
Ancona, seit jeher wichtigster Hafen in der Mitte der Adriaküste, gekennzeichnet durch den intensiven Handel mit der Stadt Venedig und dem Orient, ist von Kunst und Geschichte geprägt. Seele des Handels und der Seefahrt in der Provinzhauptstadt der Marken ist die Statue von Papst Clemens XII auf der Piazza del Plebiscito, dem Herz der Altstadt. Sie wurde von den Bürgern als Zeichen der Anerkennung für den Papst errichtet, der Ancona im Jahre 1738 den Status eines Freihafens gewährte. An einem halbkreisförmigen Springbrunnen aus dem 18. Jahrhundert und einem seitlichen Springbrunnen aus dem 15. Jahrhundert vorbei geht es in die herrlichen Kirche von San Domenico, die eine Kreuzigung von Tiziano beherbergt, einem berühmten Zeitenossen von Lotto, dessen Mitbürger in der Republik Venedig er war. Wenige Meter von der Piazza befindet sich die Pinacoteca Civica di Palazzo Bosdari, in der es das Werk Madonna mit dem Kind eben jenes venezianischen Malers sowie die Vergine dell'Alabarda (1539), wörtlich: Jungfrau der Hellebarde von Lotto zu bewundern gibt. Das Gemälde ist nach der Waffe benannt, die Simon Guida auf diesem Bild mit der Spitze nach unten in der Hand hält. Mit der malerischen Symbolik jener Zeit drückt Lotto die Niederlage der religiösen Macht aus. In der Tat hatte der Adel Anconas gerade in jenen Jahren seine politische Autonomie wiedererlangt. Wenn man nach der Pinakothek kurz auf der Piazza Stracca verweilt, kommt man in den Genuss eines schönen Ausblicks auf die Stadt von oben. Wenn man in Richtung Meer schaut, wird einem bewusst, von welch unbestrittener Wichtigkeit der Hafen für die Identität und Geschichte Anconas ist.
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Erster Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Nachmittag
Ein letzter Halt empfiehlt sich bei der Kirche von San Francesco alle Scale, einem wichtigen Ort Anconas, die die Assunta von Lorenzo Lotto beherbergt. Das Werk entstand im Jahre 1550, als der Maler aus Venedig zurückgekehrt war und sich in einer Phase der Instabilität und Krise befand. Aus diesem Grund drückt es tiefe Müdigkeit und Pessimismus aus: Die Farben sind in der Tat weniger lebendig als gewöhnlich und das Spiel zwischen Licht und Schatten verleiht dem Gemälde eine zutiefst melancholische Stimmung. Nun ist es Zeit, ins Auto zu steigen und nach Jesi, im Zentrum eines von reizvollen mittelalterlichen Schlössern durchzogenen Tals gelegen, zu fahren. Ziel des Ausflugs ist die Pinacoteca Civica, in der es fünf Werke von Lotto zu besichtigen gibt, die der Maler in der reifsten Phase seiner künstlerischen Karriere schuf: Die Deposizione (Grablegung) (1512), die Annunciazione (Verkündigung) (1525), die Madonna delle Rose (1526), die Visitazione (1531) und die Pala di Santa Lucia (1532). Beim Betrachten der Bilder fällt einem unweigerlich die Rokokoverzierung des Palazzo auf, in der sich die Pinakothek befindet. Das Gebäude, das sich im Besitz der Familie Pianetti Tesei befand, ist der ausgefallenste Palazzo der Stadt. Dazu tragen die Hunderte von Fenstern bei, die die Fassade zieren, sowie der üppig Gartens im italienischen Stil, der der geeignete Ort für eine wohlverdiente Ruhepause bei Sonnenuntergang ist.
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Erster Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Abend
Das Zentrum von Jesi, genauer gesagt der Corso Matteotti, wird in den Abendstunden zum bevorzugten Ort für einen Spaziergang. Hier finden sich zahlreiche Familien, junge Paare, Gruppen Jugendlicher und Touristen auf der Durchreise auf einen Aperitif oder einen Kaffee in den Bars entlang der Strasse ein. Der Corso Matteotti beginnt beim Teatro Pergolesi, nach dem grossen hier beheimateten Komponisten benannt, und erstreckt sich pfeilgerade bis zum mittelalterlichen Clemensbogen. Ein Gläschen Rosso Conero oder Verdicchio di Jesi in der Enoteca Regionale, um sich auf den Abend einzustimmen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Vor der Rückfahrt ins Hotel kann man im Theater noch einer der Aufführungen beiwohnen, die in der Sinfonie- und Prosasaison des Sommers auf dem Spielplan stehen.
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Zweiter Tag

Vormittag
In Loreto herrscht jene mystische Atmosphäre, die Lotto in seinen letzten Lebensjahren zu einer Reihe von Werken für die Wallfahrtskirche der Stadt inspirierte. Offensichtlich bot der heilige Ort, der das bescheidene Haus der Maria von Nazareth beherbergte, Lorenzo Lotto die notwendige Ruhe: Der Kampf zwischen Gut und Böse, die Geheimnisse des Glaubens, äusserst symbolträchtige biblische Episoden – dies alles sind Themen, mit denen das Genie Lotto sich vor seinem Tod befasste. Der Tod ereilte ihn unvorbereitet im Jahre 1556, als er die Presentazione im Tempel vollendete. Die vier Bilder des venezianischen Malers befinden sich heute im Museum von Loreto in der Nähe der berühmten Wallfahrtskirche.
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Zweiter Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Nachmittag
Von Loreto aus sind es nur einige Minuten bis Recanati und somit zu jenen Orten, die Giacomo Leopardi zu seinen Gedichten und Werken inspirierten und heute einen richtigen Literaturpark von aussergewöhnlichem Einfluss darstellen. In Recanati schrieb der grösste italienische Dichter des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Kapitel italienischer Kultur, inspiriert von jenen Orten, die heute die Namen seiner Gedichte tragen: die Piazzetta del Sabato del Villaggio, der Torre del Passero Solitario, der Balcone di Silvia... Einen Besuch des Hauses des Dichters im Palazzo Leopardi sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. In den Räumen, in denen Giacomo Leopardi seine Kindheit verbrachte und sich seine an Genialität grenzende kulturelle Grenzenlosigkeit entwickelte, werden Manuskripte und Erinnerungsstücke aufbewahrt. Der Pessimismus des Dichters steht im Gegensatz zum Entusiasmus der Jugendwerke von Lotto, welche entstanden, als die Marken noch eine der zahlreichen Etappen während des unruhigen Umherziehens des Malers auf der Suche nach Originalität für Italien waren. In der Pinakothek von Recanati befinden sich der Polittico di San Domenico (1508), die Trasfigurazione (1512), San Giacomo Pellegrino (1512) und die Annunciazione (1527-29), eine der originellsten Schöpfungen Lottos. Allein dieses Werk ist bereits ein Besuch der Pinakothek wert. Wenn man den Platz überquert, gelangt man zur Kirche von San Domenico, die den San Vincenzo Ferrer in Gloria (1513) beherbergt, Lottos ersten Versuch in der Technik der Freskenmalerei.
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Zweiter Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Abend
Der Sonnenuntergang ist von Lyrismus erfüllt, wenn man am Horizont der Colle dell'Infinito von Leopardi erblickt. Die Landschaft, die den Dichter inspiriert hat und die trotz der unvermeidlichen Verwandlung in der Umgebung Recanatis seit Jahrhunderten gleich geblieben ist, lässt sich am besten vom Garten des Palazzo Dalla Casapiccola Biondo aus bewundern. Die Privatresidenz ist auf Voranmeldung für Besucher geöffnet und in den Räumen aus dem 17. Jahrhundert, in denen einst Kardinäle auf Pilgerfahrt zur Wallfahrtskirche von Loreto zu Gast waren, werden Erfrischungen angeboten.
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Dritter Tag

Vormittag
Die Strasse im Hinterland führt nach Cingoli und von dort zur Kirche von San Domenico, wo man die Madonna del Rosario bewundern kann, die sich bis vor kurzem in der Pinacoteca Civica befand. Es handelt sich um eine der komplexesten Kompositionen des Künstlers aus dem Jahre 1539. Der Ort Cingoli verfügt über einen reichhaltigen und gut erhaltenen historischen Stadtkern. Von der burgähnlichen Stadtmauer aus dem Mittelalter und der Collegiata hat man eine Aussicht bis zu den Hügeln um das Bergland der Maiella und bei schönem Wetter sogar bis zur Bergkette der dalmatischen Küste jenseits der Adria. Aufgrund dieser schönen Aussicht ist Cingoli als "Balkon der Marken" berühmt.
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Dritter Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Nachmittag
Nachdem man kurz in der Provinzhauptstadt Macerata verweilt hat, um ein paar lokale Spezialitäten im Floriani di Villamagna, einem alten Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert zu geniessen, kommt man in das Dorf Monte San Giusto. Der Mittelpunkt des bewohnten Ortskerns ist das Rathaus, dessen Bau vom Bischof von Chiusi, Niccolò Bonafede in Auftrag gegeben wurde. Es weist eine Ziegelfassade mit einem Portal und eleganten Fenstern aus der Renaissance auf. In der Kirche von Santa Maria in Telusiano befindet sich die Crocifissione (Kreuzigung) (1529/34), eines der dramatischsten Werke von Lotto. Der Betrachter, dessen Aufmerksamkeit von einem mächtigen Spiel aus Diagonalen erregt wird, kann sich dem Anblick der Figuren des Christus und der beiden Räuber, die sich schmerzverzerrt am Kreuz winden, nicht entziehen. Daher kann man fast von einem unvermuteten Vorgreifen auf den Expressionismus reden, der in den grünen Hügeln der Marken erhalten geblieben ist.
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Dritter Tag
Auf den Spuren von Lorenzo Lotto in den Marken

Abend
Wenige Kilometer von Monte San Giusto entfernt liegt das kleine Zentrum von Mogliano mit dem letzten Werk Lottos auf dieser Reise durch die Marken: Die Assunta aus dem Jahre 1548. Das Werk befindet sich wieder in seinem Originalrahmen, aus dem es im 18. Jahrhundert entfernt worden war, und drückt mit seinen schwermütigen Tönen und gedämpften Farben die ganze Unruhe des Malers aus. Lotto schuf es in einer Zeit der künstlerischenen und religiösen Aufgewühltheit, in der er von den venezianischen Kollegen unterschätzt wurde und wegen der Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten zutiefst verbittert war. Nach Besichtigung der kleinen Kirche kann man in den mittelalterlichen Gässchen, Strassen und Plätzen des Dorfs zur Rocca spazieren gehen. Auf dem Rückweg schliesslich kann man hinter den Monti Sibillini zwischen Mogliano und Monte San Giusto im Agritourismus-Restaurant Fonte Carella in Monte San Pietrangeli einkehren und sich bei Spezialitäten der Region von den Marken verabschieden.


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